Der Henkenwerder

Paul Athmann

 

Der Flusswerder der Weser mit dem heutigen Namen „Henkenwerder“ liegt zwischen der Eisenbahnbrücke, dem Ort Dreye, der Weser und dem Dreyer Hafen. Früher hieß diese Flussinsel in den Amtsunterlagen auch „Werder zu Dreye“.


Heute bemisst sich der Werder mit Baggersee wie folgt: Länge ca. 700 Meter, Breite ca. 200 Meter (ca. 11 ha), maximale Tiefe: ca. 18 Meter.

 

Das Luftbild von 2008 zeigt den Henkenwerder mit dem ausgebaggerten See (Bildmitte). Am oberen Rand des Sees ist der Neubau des Deiches am Dreyer Hafen erkennbar. Vorne verläuft die Bahnline mit den Flutbrücken und der Dreyer Weserbrücke. Am unteren Bildrand ist der Rand des Blauen Werders erkennbar.


Die Bezeichnung "Werder" steht für frühere Flussinseln bzw. Sandbänke am Fluss.  Dies ist insofern auch für den Henkenwerder richtig, als zwischen dem Deich und dem Werder in früheren Zeiten noch ein Weserarm entlang führte. 


Dazu gibt es einen Hinweis in den Akten von 1651 über einen Streit der Kirchweyher und Dreyer bezüglich der Nutzung der Dreyer Kuhweide für den Deichbau. Die Dreyer wehren sich gegen die Kirchweyher, die Grassoden aus der Kuhweide holen, um den Deich zu befestigen. Dazu erklären sie: „Wie sich aber in folgender Zeit begeben, das die Weeser einmals hinter des Sehl. Herrn Joachim Hinckens Werder einen großen Sandhaufen oder Zuwurff […] zusahmen geschlagen und sich da gesetzet, dann aber von Jahren zu Jahren mehr an- und zugelandet, endlichen auch beerbet und beangert, daß das gemeine Vieh von unseren Vorfahren drauf gehütet und geweidet worden […]“ 222


Der erwähnte Joachim Hincken ist 1580 gestorben. Man kann also davon ausgehen, dass dieser Weserarm weit vor dem 17. Jahrhundert verlandet ist – auch wenn Karten aus dem 18. Jahrhundert noch einige Restgewässer zeigen. Siehe auch im Kapitel über die historischen Weserarme.

"Henken" ist von einem Familiennamen abgeleitet:  Die Familie „Hincken“ wohnte am Deich in Dreye. Ihr gehörte der Werder. Die Familie erscheint noch einige Male in alten Urkunden:

 

1577

Domdekan Dr. Joachim Hinke (+ 1580) erhält vom Bremer Erzbischof Heinrich einen Hof in Dreye. 223 Er scheint einen eher kratzbürstigen Charakter gehabt zu haben: Von J.Hinke ist das geflügelte Wort überliefert: „Do Hinke kam von Rome, kam neen Bremer mehr am Dome“ 224. Der Hof des Hinke wird einer der drei Höfe gewesen sein, die in Dreye vom Domkapitel als Lehen vergeben wurden.

1616

Dem Amtmann Christoph Hincke wird am 20.4.1616 durch Herzog Friedrich von Braunschweig -Lüneburg den vom Grafen Otto v. Hoya seinem Vater Dr. Joachim bewilligten Torfbezug für die Gebäude "auff dem Kattenesch" bestätigt. Schon 1576 hatte Herzog Julius v. Braunschweig dem Domdechant Jacob Hincke die gleichen Rechte bestätigt. 225

1620

Christoffer Hincken wird um 1620 als Meier des Klosters Heiligenrode mit einem Hof zu Dreye erwähnt – zusammen mit einem Werder zu Dreye.226 

1658

1658 wird Anton Hinken (wohl der Sohn des Christoffer) in den Hof in Dreye als Besitzer eingewiesen. Ein Streit mit der schwedischen Regierung wegen der „Jurisdiktion über den Werder zu Dreye“ ist im Staatsarchiv in Hannover dokumentiert.227

1683

Ein Streit der Witwe des Hermann Christoph Hinke, Anna Magdalena Hinke geb. Frese mit dem Zollinspektor Korn in Dreye führt zu einem Besuch des Notars Malluvius aus Riede auf dem Hof in Dreye,  zusammmen mit Johann Busch und Malluvius‘ Sohn Tobias. Dort wird der Notar beschimpft und mit einer Schere bedroht. Er schlägt daraufhin mit seinem „Dornenprügel“ auf die Frau ein, und sein Sohn verpasst ihr eine Ohrfeige.228

1689-1698

Die Witwe Hinke streitet mit dem Bremer Schiffer Carsten Windeler wegen einer Notankerung im Nebenarm am Hinkenwerder. Der Nebenarm war als Schutzhafen bei Sturm und Eisgang bei den Schiffern beliebt. Da der Werder im Privatbesitz der Familie Hinken war, wurde auch der Nebenarm von ihr beansprucht. Windeler hatte den Hafen aufgesucht, nachdem er die Weser wegen Eisganges nicht mehr befahren konnte. Er ließ das Schiff dort mit 3 Mann Besatzung ankern und schickte die restlichen Besatzungsmitglieder wieder nach Bremen zurück. 229

1698

Ein weiterer Streit wird zwischen der Witwe Hinke und den Dreyern ausgefochten, weil mehrere ihrer Gänse totgeschlagen wurden. 230

1702

Die Witwe Hinke blockiert das Dreyer Hafenbecken.231

1745

Capitainleutnant v. Hinke streitet wegen der Grenze zwischen seinem und dem herrschaftlichen Buschwerder bei Dreye.232

1747

1747 Die Familie von Hincken wird auch 1747 im Zusammenhang mit der Unterhaltung der Schlachten oberhalb Dreyes erwähnt. Es wird von der „Konkurrenz der Eingesessenen zu Dreye und des von Hincken“ gesprochen. 233 

1748

Kapitänleutnant von Hincken und das „Gut“ Hincken werden als Meyerhof des Klosters Heiligenrode und im Zusammenhang mit dem „Buschwerder zu Dreye“ erwähnt. Von Hincken schließt einen Vergleich über die Grenze beim „Buschwerder zu Dreye“.234 Der Buschwerder ist nach alten Karten zwischen dem Henkenwerder und der Alten Weser anzusiedeln.
Auf einer Karte aus dem 18. Jahrhundert (Ausschnitt) ist rechts der „Hinken-Werder“ eingezeichnet.235
Zwischen der „Dreyer Kuhweide“ und dem „HinkenWerder“ ist noch ein schmaler Wasserlauf mit einer verbreiterten Mündung eingezeichnet. Dies ist wohl der Rest des Weser-Altwassers, das den Werder umgab. Hier legten im 17. Jahrhundert bei Sturm und Eisgang einige Schiffe an, wenn der Weserstrom nicht befahrbar war.

1750

Capitain-Lieutenant von Hinke trägt der Königlichen Kammer seinen Hof zu Dreye zum Kauf an.236 Hier deuten sich wirtschaftliche Schwierigkeiten des Hofes an. 

1752

Capitain-Lieutenant Anthon Wilhelm von Hinken zu Dreye meldet Konkurs an.237 Offensichtlich ist es 1750 nicht zu einem Verkauf gekommen.


1770

Auf der Karte von Dammert aus dem Ende des 18. Jahrhunderts ist eingetragen „auf dem Hinken Werder“. Die Flussinsel ist durch einen schmalen Wasserlauf von der „Dreier Kuh-Weide“ getrennt. Am Werder liegen (vor dem Deich) einige Häuser.von Dreye.

1773

1773 In der Landesaufnahme von 1773 ist der "Hencken Werder" zwischen dem Ort Dreye und der Weser eingezeichnet. Hier ist wohl kein Altwasser zwischen Deich und Werder mehr vorhanden. Vielmehr liegen einige Höfe außendeichs.


Eventuell ist der nördlichste Hof, der außendeichs direkt am Werder liegt, der Hof des „von Hincken“. Hier liegt etwa heute das Wohnhaus der Familie Ahlers, dem der Werder 2009 gehört.

1787

Zwischen 1787 und 1791 untersucht die Domänenkammer in Hannover die „Qualität“ des Hinkenschen Hofes und die Ansprüche des „preußischen Leutnants v. Hink“ daran.238

1846

Auf der „Weser-Charte“ von 1846 ist der „Henken Werder“ zwischen der Weser und dem Ort Dreye eingezeichnet. Nur noch kleine Tümpel am Deich sind vorhanden.


Nach der Begradigung der Weser von 1778 und der Verlandung des Nebenarms um den Henkenwerder ist das Marschenland angrenzend zur Dreyer Kuhweide gutes Weideland für die Kühe und Schafe.
 

1854

Im Jahre 1854 gibt es Streit um den Kuhweideweg: Ein von Fußgängern ausgetretener Pfad zwischen dem Blauen Werder und dem Henkenwerder soll auf Antrag der Eigentümer geschlossen werden. Der Ausgang des Verfahrens vor dem Amt Brinkum ist nicht bekannt. 239

1900

In der Landesaufnahme von 1900 ist der Henkenwerder als Fortsetzung der Dreyer (Kuh-) Weide zwischen dem Dreyer Deich und der Weser gelegen.

1930

Hans Bultmann findet am Henkenwerder auf einer Wiese des Landwirts Kobs-Dörgeloh Kies und Sand und beginnt mit dem Abbau. 240

1936

Auf dem Luftbild von 1936 ist der Henkenwerder nördlich des Ortes Dreye zwischen Deich und Weser noch ohne Ausbaggerungsstellen. Am direkt benachbarten Dreyer Hafen liegen Schiffe. Zu dieser Zeit wurde dort schon Kies verladen.


Am oberen Bildrand erkennt man die Rauchfahne eines  Dampfzuges auf der Dreyer Eisenbahnbrücke.
Luftbild 1936  (Archiv Gemeinde Weyhe – Repro W. Meyer)

1940-1954

 

Luftaufnahme 241 der britischen Aufklärung 1945
Während des 2. Weltkriegs baut die Firma Meyer aus Syke Sand auf dem Henkenwerder ab. Bis 1954 führt eine Firma Arnold den Sandabbau weiter. Der Sand wird über eine Siloanlage zwischen Deich und Dreyer Hafen auf Fahrzeuge verladen. Danach übernimmt die Firma Joh. Lüssen die Ausbeutung des Werders. Von Lüssen wird das Baumaterial per Schiff abtransportiert. 242

1977

Im Jahr 1977 stellt die Firma Wetjen KG einen Antrag auf Kiesabbau im Nassabbauverfahren für den Henkenwerder beim Landkreis Diepholz. Wegen diverser Einsprüche der Anlieger und des Landkreises (Lärm, Abfuhrgenehmigungen, Landschaftsschutz etc.) bezieht die Firma Wetjen 1978 die Firma Röhrs in das Antragsverfahren mit ein

1981

Die Firma Röhrs betreibt dann ab 1981 mit Saugschiffen den Kiesabbau. 243  

1997

m Jahr 1977 stellt die Firma Wetjen KG einen Antrag auf Kiesabbau im Nassabbauverfahren für den Henkenwerder beim Landkreis Diepholz. Wegen diverser Einsprüche der Anlieger und des Landkreises (Lärm, Abfuhrgenehmigungen, Landschaftsschutz etc.) bezieht die Firma Wetjen 1978 die Firma Röhrs in das Antragsverfahren mit ein. Die Firma Röhrs betreibt dann ab 1981 mit Saugschiffen den Kiesabbau. 243   1997  Luftbild 1997:  W. Meyer
Die vorherigen Luftbilder von 1936 - 1980 zeigen noch keine Ausbaggerung. Erst auf diesem  Foto von 1997 zeigt sich die große Wasserfläche auf dem Werder.
Die Firma Hanseatische IndustrieBeteiligungen GmbH (HIB) beantragt 1998 die weitere Vertiefung des Henkenwerders. Das ausgebaggerte Material soll zum Aufspülen des neuen Industriegeländes in der Hemelinger Marsch genutzt werden. Diese Baumaßnahme wird im Jahr 2000 abgeschlossen.
Kurz darauf wird der Henkenwerder-See mit einem Damm von der Weser getrennt. Der See hat 1998 im Mittel eine Tiefe von 16 - 18 m.
Der See befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Besitz der Familie Ahlers. 244

2002

Das Satellitenbild (von 2002) zeigt den Baggersee zwischen dem Deich und der Weser nach der Ausbaggerung durch die HIB. Der Zugang zur Weser ist verschlossen durch eine schmale Landbrücke.
Im Vergleich zum Luftbild von 1997 ist die nördliche Landzunge deutlich schmaler geworden.
Der Kies- und Sandabbau am Henkenwerder ist 2008 abgeschlossen. Nur noch eine schmale Halbinsel zwischen der Weser und dem Bagger-See ist übrig geblieben. Daran schließt sich der Dreyer Hafen an.  .

Der Durchlass zur Weser im Jahre 2011: Hier sind Wassertiere meist ungestört - wenn nicht gerade ein Fotograf in ihre Nähe kommt oder ein Schiff das Baggergut aus der Weser verklappen will. Als seltene Vogelarten sind hier beobachtet worden:  Eisvogel, Gänsesäger, Ringdrossel, Rotmilan, Seeadler, Sil-berreiher,  Sperber,  Spießente,  Weißstorch, Zwerg-säger, Zwergtaucher sowie viele Rastvogelarten.

Der Damm zur Weser wird 2009 wieder geöffnet. Hier wird nun das Baggergut aus der Weservertiefung verklappt. 


Die Tiefe im Nordwesten des Sees beträgt nur noch 2 - 5 m. Es sollen im Laufe der Zeit auch einige Inseln angelegt werden.

 
[Fotos: Werner Bultmann 2009 / P. Athmann 2011]

Der Henkenwerder liegt in Höhe des WeserFlusskilometers 356. Zur Weser hin ist er nicht eingezäunt. Die noch verbliebene Halbinsel ist größtenteils mit Gras bewachsen. Am Rande stehen einige Weiden und Birken, besonders auf der nördlichen Seite der Halbinsel am Weserufer. In der Mitte der Halbinsel steht eine kleine Baumreihe. 


1576

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