Die Ritter von der Kemmenade  ziehen um

Paul Athmann
 
Durch die unter Karl dem Großen eingeführte Feudalordnung wird das Grundeigentum vom Kaiser auf seine Fürsten als Lehen vergeben. Diese wiederum "verleihen" das Land an ihre treuen Gefolgsleute, die ihnen in den kriegerischen Auseinandersetzungen zur Seite stehen. Hierdurch wird der Stand der Ritterschaft geschaffen. Die Bauern, die das Land bewirtschaften, aber auf den Schutz ihrer Lehensherren angewiesen sind, müssen Abgaben an diese leisten.


Die Weyher Edelherren kommen vermutlich aus dem Bremer Raum und nennen sich vorher “von der Kemnaden”, was so viel wie “von der Burg” bedeutet. In Bremen haben sie wohl schon dem Erzbischof gute Dienste geleistet.  Nach dem alten Universallexikon von Zedler 55 besaßen sie in Bremen ein Haus, das sie aber nach einem Streit mit den Bremern aufgeben (um 1050). Sie lassen sich dann im Gebiet der späteren Untergrafschaft Hoya nieder. 56


Ab 1708 liegen Versuche vor, das Geschlecht der Ritter von Weyhe genealogisch zu erfassen.  Der Historiker Luneberg Mushard  nennt 1708 und auch 1720 einige Mitglieder der Familie und zeigt einen Stammbaum für Margareta von Weyhe verheiratete von der Lith, Tochter des Enno Arend von Weyhe, Drost zu Wittmund. 57 Es folgen Darstellungen des Geschlechts bei  J.F. Pfeffinger (1730) 58, dann bei  J.C. Iselin (1740) 59 und schließlich auch im Lexikon des J.H.  Zedler (1747). 60

 

Als Stammvater des Geschlechts der von Weyhes wird ein Dothard genannt, der um 919 schon gelebt haben soll. 61 
"Dothardus von der Kemnaden genannt von Weyhe, soll von Henrico Aucupe auf dem Turnier zum Ritter geschlagen worden sein“.62  Dothard  soll einen Sohn Johann gehabt haben, der wiederum einen Sohn Peter. Und dessen Sohn Lüder soll die "Kemnade" in Bremen nach einem Streit mit den Bremern verlassen haben (um 1050). Danach wird der Name Kemnade nur noch selten verwendet. So taucht er  z.B. im Jahre 1311 beim Bischof von Osnabrück,  Engelbertus (Engelbrecht) von Weyhe wieder auf: er wird als 'genannt Kemnade' bezeichnet.


Zu Dothard und seinen Söhnen bzw. Enkeln gibt es folgende Urkunden und Hinweise:

 

Dothard von Kemnade

Der Historiker Pfeffinger beruft um 1730 sich auf „alte Geschichtsschreiber“, ohne diese zu nennen. 63 Iselin     (1740) und alle folgenden Geschichtsschreiber übernehmen wohl von Pfeffinger.

 

Der Historiker Mushard führt um 1720 Dothard und seine direkten Nachkommen noch nicht auf. Er beginnt seine Beschreibung des Geschlechtes Weyhe erst mit Gerbertus (1096). 64

 

Johann v. Kemnade, Dothards Sohn und Peter v. Kemnade, Johanns Sohn

Pfeffinger nennt Johann als Sohn und Peter als Enkel - ohne weitere Belege. Iselin führt beide nicht auf. In Zedlers Lexikon (1748) wird Pfeffingers Darstellung übernommen.

 

Lüder v. Kemnade genannt von Weyhe, Peters SohnPfeffinger nennt ihn „Petri Sohn, ist von dem Sitz Kemnaden gäntzlich abgezogen“. Nach Iselin hatte Dothards Urenkel  Luderus „mit der Stadt viel Irrungen“.

 

Gerwerd und Bavo (Baro) von Weyhe

Pfeffinger nennt diese beiden als Fortsetzer des Stammes des Lüders. Iselin führt diese beiden nicht auf, sondern erwähnt nur den Ratsherrn Gerbert, der aber bei Pfeffinger der Enkel des Gerwerds ist.  Pfefffinger lässt offen, ob Bavo der Sohn Gerwerds und der Vater Gerberts war. Es kann aber so interpretiert werden.

 

Pfeffinger nennt  Arend von Weyhe, als den „ruhmwürdigen einzigen“  Sohn des Gerberts, und Arends Sohn Gerlach. Gerlachs Bruder Heinrich habe 1130 sich auf dem Reichstag zu Braunschweig befunden. 65

 
Um 1050 soll also der Umzug des Lüders von Kemnade in die Ortschaft „Wege“ stattgefunden haben.  Von ihm wird berichtet 66, dass er wegen des Pfandschillings beim Erzstift nicht genügend gesichert gewesen sei und darüber mit dem Stift in Streitigkeiten geraten sei.  Das wäre vor der Übertragung der Bremer Vogtei  an die Billunger nach 1066. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass der Umzug erst nach 1066 geschieht, und dass die „Irrungen“ des Lüders mit den Bremern auch mit den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Billungern und dem Bremer Erzbischof in Zusammenhang stehen.
In den folgenden Jahren werden einige der jetzt „von Weyhe“ im Zusammenhang mit Bremer Aktivitäten genannt, aber auch zunehmend mit sächsischen Fürsten und ihren Vasallen: 
 
* 1096 wird Gerbert von Weyhe als „Bürgermeister von Bremen“ erwähnt. Es ist jedoch unter den Historikern umstritten, ob er wirklich Bürgermeister war oder nur als teilnehmender Bürger des Kreuzzuges von 1096 erwähnt wurde. Nach Joh. Hermann Duntze sind es die "Rathmänner (welcher Name hier zuerst vorkommt, wohl gleichbedeutend mit Wykmännern oder rathhaften Beisitzern des Voigts) Lüder von Verden, Gerbert von der Weyhe und Lüder von Bucken. ... Glücklich fanden alle im Jahre 1111 Heimkehr." 67 An anderer Stelle spricht Duntze dem Gerbert von Weyhe die "sächsische Vogteiherrschaft in Bremen" zu. 68

 
In der Rynesberch-Chronik heißt es: "in deme iare des Heren MC unde elvene iare do wurden to rade de paues, die keyser, die conyng von Francrike unde de fursten des cristendomes no rade hertoghen Gotfrides von Bullyon dat hilghe land to Jherusalem to wynnende beyde to lande unde to watere. Unde saten do alle conynge, vursten, greven, bisscupe, enen yewelken uppe enen sunderliken tal van wapenden volke. Do wart dat stichte van Bremen unde die herschup van Oldenborch gesat up enen groten tal van volke, de sick al redden beyde to lande unde to watere. Do dat ychteswelke radmanne unde borgere van Bremen horden, dat sick so vele guder lude redden to der herevard ute deme stichte van Bremen unde ute der herschup van Oldenborch, do wurden de rade umme Got unde umme ere willen der stad van Bremen, van eres sulves gude: her Luder van Verden, her Gherbern van Weyge, her Luder van Bucken, ... Dat weren de rikesten, de binnen Bremen weren unde die armeste van dessem hope mochte hebben binnen unde buten Bremen umme die stad by twen hundert marcken gheldes des iares. Unde desse vorscreven radmanne unde borghere vorescheden van anders nener zeestad nemende in desser reyse, 69

 

In der Chronik ist das älteste Wappen derer von Weyhe abgebildet
In der Chronik ist das älteste Wappen derer von Weyhe abgebildet

* Wie in der Rynesberch-Chronik angesprochen, sind die Teilnehmer des Kreuzzuges von einem besonderen gesellschaftlichen Stand:  “de rikesten”, “radmanne unde borgere”. Dass Gerbert von Weyhe dazu gezählt wird, zeigt, dass er auch wohl einen gewissen Einfluss in Bremen hat. 

 

* In einer Urkunde aus dem Jahr 1142 bekundet Erzbischof Adalbert v. Bremen die Teilung des Bremischen Nieder-Vielandes und die Ansetzung von Colonisten dort. 70 Als Zeuge wird ein Gerlach genannt. Ob es sich hier um Gerlach von Weyhe handelt, oder um den in anderen Urkunden erwähnten Gerlach von Bucstedehnsen (Buxtehusen), kann nicht entschieden werden. Da aber das Niedervieland in der Nähe des Ortes Weyhe liegt, ist wohl eher Gerlach von Weyhe gemeint.
 
* Im Jahr 1162 bezeugt Gerlach von Weyhe die Verleihung eines Anteils des Zolls von Lübeck durch Heinrich den Löwen an das Domkapitel zu Ratzeburg, und 1164 ist Gerlach von Weyhe im Gefolge Herzog Heinrichs des Löwen vermerkt. 71 
 
* 1179 wird Elisabeth von Weyhe (* um 1157), die Tochter des Gerlach von Weyhe, erwähnt. Sie schenkt zwischen 1179 und  1185 ihre Besitzungen der Bremer Kirche und erhält sie als Lehen zurück.72 Das heißt so viel, dass sie sich – dem Feudalsystem entsprechend – in den Dienst des Erzbistums begibt.  Elisabeth heiratet einen Ritter "von Gröpelingen". Auch Elisabeths  Bruder (Gerlach II, * um 1135) und ihr Vater (Gerlach I, * um 1105) werden in der Urkunde aufgeführt.

 
Nach genealogischen Unterlagen 73 hat Elisabeth auch noch eine Schwester Brunifrith, die mit dem Grafen Christian von Mackenstedt verheiratet ist. Deren Sohn Friedrich von Mackenstedt wird einerseits als Ministerialer der Erzbischofs, andererseits aber auch als "Beamter" Heinrich des Löwen bezeichnet und organisiert in seinem Auftrag die Kolonisierung des „Brincimibrooks“ (Brinkum, Leeste). 


Um 1180 erhält Friedrich von Mackenstedt das Recht, den Bruch zwischen Huchting und Brinkum nach Holländerrecht an Siedler zu verkaufen. Er stiftet daraufhin das Kloster Heiligenrode, dem er unter anderen Ländereien auch eine Hufe zu Weyhe schenkt. 74  

 
Dieser Friedrich von Mackenstedt ist also der Sohn von Christian von Mackenstedt. 75  Seine Mutter ist Brunifrith von Weyhe, eine Tochter des Gerlach von Weyhe. Ob die geschenkte Hufe aus dem Besitz der Mutter stammt, ist nicht belegbar. Man kann allerdings auch vermuten, dass die Hufe aus dem Besitz stammt, den Heinrich der Löwe seinem Beamten Friedrich v. Mackenstedt für treue Dienste überlassen hat, und dass sie aus urbar gemachtem Marsch- oder Bruchland besteht. 76

 
* 1215 stehen „die Ritter von Weyhe“ dem Erzbischof bei im Kampf gegen den Gegen-Bischof Waldemar. 77 
 
* Im 12. Jahrhundert wird ein Gerfridus von Weyhe als Lehensmann derer von Hodenhagen erwähnt (Hof in "Cornethe" / Köhren). 1276 überträgt Heinrich, Herr von Hodenhagen, dem Kloster Heiligenrode Eigentum in Köhren (Harpstedt), "welches die Söhne Gerfrieds von Weyhe von ihm zu Lehen getragen".78 Bei einem der Söhne dürfte es sich um Andreas v.W. gehandelt haben:  1278 wird dieser oder ein anderer Hof in Köhren als Besitz des Klosters Hude erwähnt, den das Kloster vom Edlen Andreas von Weyhe erworben hat. 79

 
Weyhe liegt im Largau und damit im angestammten Machtbezirk des Bremer Erzbischofs. Dieser hat einige Edelherren als Ministerialbeamte eingesetzt. Für den Weyher Raum scheint dies zunächst der Graf von Mackenstedt zu sein. Andererseits untersteht der Largau ab 1066 den Billungern, das heißt Heinrich dem Löwen. Als Heinrich die Vogtei von seiner Mutter geerbt hat, versuchte er seinen Einfluss vermehrt in der Ritterschaft durchzusetzen. So werden die Weyher und Mackenstedter Edelherren auf die welfische Seite gezogen.


Dass Gerlach von Weyhe 1164 im Gefolge des Sachsenherzogs aufgeführt ist, zeigt seine Verbundenheit mit den Welfen zu dieser Zeit.
 

Der Familienverband der in Norddeutschland verstreuten Nachkommen der Ritterfamilie von Weyhe versucht Anfang des 20. Jahrhunderts eine Stammtafel - abgeleitet aus den Urkunden und Chroniken bis zum 14. Jahrhundert. 80

Ein weiterer Versuch einer Stammtafel - mit einigen Unsicherheiten und Annahmen